Auszug aus Rundbrief März 2016

Auszug aus dem Rundbrief März 2016

K-Info 2016-03
Krishnamurti-Komitee D | A | Ch – Arbeitskreis für freie Erziehung e.V.
mail: k-info@jkrishnamurti.de

Ist die ›Lehre‹ Krishnamurtis ein Mittel, um die Welt zu verändern?
Eine Anmerkung zu einer Frage und Aussage, die des Öfteren an uns herangetragen wird.

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Mitmenschen,
wenn man den Zustand der menschlichen Zivilisation auf diesem Planeten auf sich wirken lässt, ist es erschütternd, was sich alles abspielt. Und ich meine damit nicht nur die dramatischen Krisen oder weltweiten Probleme und die Art, wie damit umgegangen wird: Verschuldung der Staaten, Finanzkrise, weltweiter Machtkampf um Rohstoffe, Absatzmärkte und fruchtbare Bodenflächen, Kriege, Terror, Zerstörung ganzer Staaten und Lebensräume, Flüchtlings- und Migrationspolitik, Klimaveränderung, Verschmutzung der Meere, Entsorgung des atomaren Abfalls, entfesselte Marktwirtschaft, Wachstumswahn, zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich und so weiter. Es ist vor allem die Gedanken- und Empfindungslosigkeit mit der allenthalben versucht wird, so weiterzumachen wie bisher.

Die Probleme und Krisen und unser Umgang damit machen deutlich, woran es mangelt. Es fehlt eine grund-legende Empathie, das Mitempfinden mit Menschen, deren Lebensumstände weit schlechter sind als die der meisten von uns hier in Europa. Es fehlt an einer realistischen Einschätzung der Auswirkungen der eigenen Ansprüche und des Lebensstils, den wir seit dem letzten europaweiten Desaster entwickelt haben und als not-wendig erachten. Es fehlt die Fähigkeit und Bereitschaft, Probleme gemeinsam anzuschauen, unter Zurück-stellen eigener Ambitionen und Wünsche zu kooperieren und für das Wohl des Ganzen zu sorgen. Kurz, es fehlt das Bewusstsein eine Menschheit zu sein, eine Welt, ein Leben, ein Dasein.

Ist Krishnamurtis ›Lehre‹ ein Mittel, durch das sich das ändern könnte? Es ist, aber nicht im üblichen Sinne. Es ist kein Leitfaden, wie man zu einem anderen Bewusstsein kommt. Man kann damit keine Menschen­ massen in Bewegung setzen, denn das Ziel ist nicht sehr attraktiv. Die Veränderung besteht darin, dass wir uns uneingeschränkt der Wirklichkeit unseres Denkens, Fühlens und Handelns zuwenden. Dass wir erken-nen, dass wir das sind, was in uns vor sich geht und nicht das, was wir sein möchten und wie wir wahrgenom-men werden wollen. Nur dort kann die Ursache für den Zustand unserer Welt aufgedeckt werden, und auch die Möglichkeit entstehen, dass das wahre Wesen des Lebens zum Vorschein kommt.

Es ist verständlich, dass dies vielen Menschen, die Krishnamurti lesen oder ihn anhören, Schwierigkeiten bereitet. Wir Menschen sind seit unzähligen Generationen gewohnt, das Denken und sein Vorstellungsver­ mögen als wichtigstes Werkzeug zu benutzen. Und wir glauben, dass das, was wir denken, ›Wirklichkeit‹ sei oder ihr entspräche. Es fällt uns schwer zu erkennen, dass genau dies die Quelle der ewigen Auseinander­ setzungen zwischen uns Menschen ist. Denn jeder Mensch und jede Gemeinschaft entwickelt auf diese Weise eine eigene, vorgestellte ›Wirklichkeit‹ und beurteilt die Welt und die anderen aus dieser persönlichen Sicht.

Die eigenen, vorgestellten ›Wirklichkeiten‹ treffen auch aufeinander, wenn wir, die sich für Krishnamurtis ›Lehre‹ interessieren, uns in Gesprächsgruppen oder bei Veranstaltungen begegnen. Manchmal gleichen wir uns aneinander an, bestätigen uns gegenseitig oder wir versuchen durch den Trick der Toleranz – wie »alle Wege führen zum selben Ziel« –, die Abweichungen und Gegensätze zu überbrücken. Meist entstehen aber dieselben unbefriedigenden Debatten wie überall, wenn unterschiedliche Ansichten aufeinandertreffen.

Ist also Krishnamurtis ›Lehre‹ das Mittel die Welt zu verändern, oder ist es an uns, seinen Lesern und Zuhö-rern, uns anders als mit intellektueller, gedanklicher Distanz auf das einzulassen, was in dem Spiegel zu sehen ist, den er uns vorhält? Und ist womöglich diese andere Art des Einlassens nicht nur das ›Mittel‹, sondern bereits die Veränderung? Mein Eindruck ist mittlerweile: eindeutig ja. Allerdings erfordert das Einlassen auf unsere innere Wirklichkeit eine Offenheit, die nicht von außen vermittelt werden kann. Das restlose Einlassen ist auch keine persönliche Leistung, denn jedes persönliche Bemühen ist aufrechterhaltender Bestandteil der eigenen, vorgestellten ›Wirklichkeit‹. Einlassen erfordert eher eine Art völliger Selbstaufgabe, einen Verzicht auf alles, von dem wir bisher geglaubt haben, es würde uns Halt, Sicherheit und Orientierung geben, und die Bereitschaft nirgendwo mehr dazu zu gehören. Dann kann in uns vielleicht die Saat eines anderen Bewusst-seins aufgehen, das den Lauf der Welt in andere Bahnen lenkt.

Mit herzlichen Grüßen
Bernd Hollstein

Einladung zum Frühjahrstreffen 2016
Donnerstag, 2. bis Sonntag, 5. Juni in der Reinhardswaldschule bei Kassel Träger der Veranstaltung: Arbeitskreis für freie Erziehung e.V.
Verantwortlich für Inhalt und Ablauf: Jürgen Brandt, Margarete Rödter, Jörg Schein, Thomas Thelen

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir freuen uns, Euch wieder zu unserem diesjährigen Frühjahrstreffen einladen zu können. Und wir möchten die folgende Frage als Thema anbieten, die ein Zuhörer 1981 in Ojai an Krishnamurti stellte und dessen­ Ant-wort als Video vorliegt:

Wie kann sich das Ich, das Selbst auflösen? Ohne dies hat alles andere keinen Sinn.

In der einen oder anderen Form ist dies sicherlich auch unsere Frage, und die Dringlichkeit und Verzweiflung, mit der diese Frage gestellt wird, macht klar, dass es kein philosophisches, sondern ein existentielles Anliegen ist. Das Ich wird erlebt als Isolation, Trennung, Gefängnis, als ein Sich-endlos-im-Kreise-drehen, als etwas, das unser Leben letztlich sinnlos macht und Konflikt und Leid verursacht.

Diese Thematik war vielleicht auch für viele von uns der Auslöser, sich überhaupt mit der Lehre Krishnamur-tis zu beschäftigen, teilweise schon vor Jahrzehnten, und immer noch ist diese Frage für die meisten von uns relevant. Vieles mag sich verändert haben, aber unser Bewusstsein ist nach wie vor fest im Griff unserer Selbstbeschäftigung, und ein tiefes Gefühl der Trennung ist immer wieder spürbar. Warum, könnte man fra-gen, hat sich das Selbst nicht aufgelöst? Warum sind wir nicht frei davon, wenn wir es doch als ein Hindernis sehen und es los haben wollen? Wer hält denn das Selbst am Laufen wenn nicht wir selber? Haben wir viel-leicht seine Tiefe und Dominanz in unserem Bewusstsein völlig unterschätzt?

Im Anhang, Text 1, beschreibt Krishnamurti auf anschauliche Weise, was er unter dem Selbst versteht. Das Gesagte in aller Konsequenz auf sich wirken zu lassen, ist eine Herausforderung. Demnach ist das Selbst kein kleines Bruchstück unseres Bewusstseins, kein wohl definiertes Zentrum, es ist kein Objekt und auch kein geheimnisvolles Subjekt, vielmehr ist es der »gesamte Prozess« unseres Normalbewusstseins, die gesamte Art und Weise unseres Denkens und Fühlens. Unsere Vorstellungen und Erinnerungen, die bewussten und unbe-wussten(!) Bestrebungen und Wünsche – all das macht das Selbst aus. Es ist also, um ein Beispiel zu nennen, nicht nur in den Aspekten zu finden, die man gemeinhin als egoistisch bezeichnen würde, es ist in allen Wün-schen enthalten, selbst im Wunsch nach dem Guten, nach Frieden und Liebe. Das Selbst ist also viel umfas-sender, als wir gemeinhin annehmen und so ist der Wunsch, das Selbst aufzulösen, auch viel komplexer und widersprüchlicher als gedacht.

Und trotzdem bleibt die Frage berechtigt: wie kann das Selbst, oder besser gesagt, der gesamte Selbst-Prozess, aufgelöst werden oder sich selber auflösen – oder einfach enden?

Im Anhang, Text 2 stellt Krishnamurti diese Frage, wobei er nicht vom »Selbst-Prozess« spricht, sondern von der Gesamtbewegung des Denkens. Denn unsere tiefe Identifizierung mit unserem Denken macht es zu einem Prozess des Selbst. Das Denken und die Emotionen begleiten unseren Wachzustand von Moment zu Moment, ja, sie füllen ihn regelrecht aus in Form von innerem Dialog, laufendem Bewerten, Schweifen in die Vergan-genheit oder Zukunft, bis zur Suche nach der endgültigen Antwort, die uns (bzw. unseren Denkzwang) befrie-den könnte.

Wie können Sie dahin kommen, dass das Denken aufhört? Oder anders ausgedrückt, wie kann das Denken, das isoliert, bruchstückhaft und unvollständig ist, aufhören? Wie fangen Sie das an? … Was tun Sie, wenn Ihnen zutiefst bewusst wird, dass sich das Denken nicht selbst ein Ende setzen kann? Was geschieht dann? Beobachten Sie sich. … Was geschieht tatsächlich, wenn Sie erkennen, dass jede Reaktion eine Form der Konditionierung ist und deshalb das Selbst in mehrfacher Hinsicht aufrechterhält, ihm Kontinuität gibt? Sie müssen in diesen Dingen­ sehr klar sein. … Wenn Sie all das erkennen, ist zweifellos bereits ein anderer Prozess im Gange. … Nur wenn Sie, indem Sie »verstehen«, die ganze Struktur des Selbst vollkommen fallen lassen, kann das Ewige, Zeitlose, Unermessliche zum Vorschein kommen. Sie können es nicht aufsuchen; es kommt zu Ihnen.

aus Schöpferische Freiheit, Teil 1 Reden, Wie der Geist funktioniert, S. 120 bis 122

Wir hoffen, dass für Euch das Thema genauso zentral ist wie für uns, und vielleicht können wir in diesen drei Tagen tatsächlich mit dem Gesagten experimentieren, aus einem Innehalten heraus und mit passivem Gewahrsein, und den Strom unseres Bewusstseins so zu sehen, wie er ist, und offen zu sein für das, was dann passiert (siehe Anhang, Text 4).

All das macht nur Sinn, wenn es nicht allein auf der Verstandesebene abläuft, sondern tatsächlich auf direkte Art und Weise erfahren und erlebt wird. Deshalb werden wir auch diesmal wieder neben den bekannten Klein- und Großgruppen auch Zweiergespräche (mehr dazu beim Treffen) anbieten, um auf direktere und intensivere Weise einer Frage nachgehen zu können. Natürlich gibt es auch relevante Texte und Video-Aus-züge aus den Reden Krishnamurtis. Der genaue Ablauf des Treffens ist beigefügt.

Wir hoffen, dass wir mit diesem Programm Euer Interesse wecken können und freuen uns schon auf die Begegnung mit Euch im Juni.

Mit herzlichen Grüßen
Jürgen Brandt und die Mitglieder der Vorbereitungsgruppe

Anhang – Auszüge aus Reden und Schriften von J. Krishnamurti zum Frühjahrstreffen 2016

Text 1 – Wissen wir eigentlich, was wir mit ›Selbst‹ meinen? Ich meine damit die Vorstellungen, die Erinnerun-gen, die Schlussfolgerungen, die Erfahrungen, die verschiedenen bestimmten und unbestimmten Absichten, die bewusste Anstrengung, etwas zu sein oder nicht zu sein, die im Unbewussten gespeicherten Erinnerungen, die Abstammung, die Gruppe, das Individuum, den Clan und alles zusammen, ob es nun nach außen ins Handeln projiziert wird oder nach innen als Eigenschaft oder Tugend. All diese Bestrebungen sind das Selbst. Und es schließt die Konkurrenz ein, den Wunsch, zu sein. All das zusammen, dieser ganze Prozess, macht das Selbst aus, … das Selbst schottet sich ab; seine Aktivitäten, wie edel sie sich auch ausnehmen, sind trennend und isolie-rend. Wir wissen das alles. Und wir kennen auch die außergewöhnlichen Momente, in denen das Selbst abwe-send ist, den Zustand in dem es keine Anstrengung, kein Bemühen gibt und der sich einstellt, wenn Liebe da ist.

aus »Schöpferische Freiheit«, Teil 1: Reden, Was ist das Selbst?

Text 2 – Wie funktioniert der Geist? Um das herauszufinden, müssen Sie zunächst wissen, was der Geist eigent-lich tut. Was tut Ihr Geist? Es ist einfach ein Denkprozess, nicht wahr? Sonst existiert der Geist nicht. Solange der Geist nicht, bewusst oder unbewusst, denkt, ist kein Bewusstsein vorhanden. Wir müssen herausfinden, was der Geist, den wir in unserem täglichen Leben benutzen, und auch das Unbewusste, dessen die meisten von uns nicht gewahr sind, im Hinblick auf unsere Probleme tut. Wir müssen den Geist betrachten, wie er ist, nicht, wie er sein sollte.

Was ist nun also der Geist, wenn er aktiv ist? Er ist in Wirklichkeit ein Prozess der Isolierung, der Absonderung, nicht wahr? Das ist der Denkprozess letztendlich. Eine isolierte Art des Denkens, das doch kollektiv bleibt. Wenn Sie Ihr eigenes Denken beobachten, werden Sie sehen, dass es ein isolierter, bruchstückhafter Prozess ist. Sie den-ken gemäß Ihren Reaktionen, den Reaktionen Ihres Gedächtnisses, Ihrem Wissen, Ihrem Glauben. Sie reagieren auf all das, nicht wahr?
aus »Schöpferische Freiheit«, Teil 1: Reden, ., Wie der Geist funktioniert

Text 3 – Jetzt denken wir, das Denken sei getrennt vom Denkenden, aber ist das wirklich so? Wir hätten es gerne so, denn dann kann der Denkende die Dinge durch sein Denken erklären. Der Denkende bemüht sich, mehr zu werden oder weniger zu werden, und deshalb ist in diesem inneren Kampf, in dieser Aktivität des Willens, im ›Werden‹ immer der zerstörerische Faktor enthalten; wir folgen einem falschen Weg, nicht dem der Wahrheit. Gibt es eine Trennung zwischen dem Denkenden und dem Denken? Solange sie getrennt sind, voneinander abge-spalten sind, ist all unser Bemühen sinnlos. Wir folgen einem falschen Weg, der zerstörerisch ist und zum Verfall führt. Wir denken, der Denkende sei etwas anderes als sein Denken. Wenn ich gewahr werde, dass ich habgierig, besitzergreifend, brutal bin, denke ich, dass ich das alles nicht sein sollte. Dann versucht der Denkende seine Gedanken zu ändern, das heißt, er bemüht sich, etwas [anderes] zu ›werden‹. Und in diesem Bemühen folgt er der falschen Vorstellung, dass es sich dabei um zwei getrennte Vorgänge handelt, während es nur einen Vorgang gibt. Ich glaube, dass dies die grundlegende Ursache des Verfalls ist. …
aus »Schöpferische Freiheit«, Teil 1: Reden,   ., Der Denker und das Denken

 

Text 4 – Wie können Sie dahin kommen, dass das Denken aufhört? Oder anders ausgedrückt, wie kann das Denken, das isoliert, bruchstückhaft und unvollständig ist, aufhören? Wie fangen Sie das an? … Was tun Sie, wenn Ihnen zutiefst bewusst wird, dass sich das Denken nicht selbst ein Ende setzen kann? Was geschieht dann? Beobachten Sie sich. Was geschieht, wenn Sie dieser Tatsache vollkommen gewahr sind? Sie verstehen, dass jede Reaktion konditioniert ist und dass, auf Grund dieser Konditionierung, weder anfangs noch am Ende Freiheit möglich ist – und Freiheit steht immer am Anfang und nicht am Ende.
Was geschieht tatsächlich, wenn Sie erkennen, dass jede Reaktion eine Form der Konditionierung ist und des-halb das Selbst in mehrfacher Hinsicht aufrechterhält, ihm Kontinuität gibt? Sie müssen in diesen Dingen sehr klar sein. Glaube, Wissen, Disziplin, Erfahrung, all dieses Streben, ein Resultat oder Ziel zu erreichen, der Ehr-geiz, etwas zu werden in diesem Leben oder in einem zukünftigen – alles das ist ein Prozess der Isolierung, …

Was ist das für ein Bewusstseinszustand, der sagt: »Es ist so«, »Das ist mein Problem«, »Das ist genau, wo ich stehe«, »Ich sehe, was Wissen und Disziplin anrichten können, was Ehrgeiz anrichtet«? Wenn Sie all das erken-nen, ist zweifellos bereits ein anderer Prozess im Gange. Wir sehen die Wege des Intellekts, aber wir sehen nicht den Weg der Liebe. … Nur wenn Sie, indem Sie »verstehen«, die ganze Struktur des Selbst vollkommen fallen lassen, kann das Ewige, Zeitlose, Unermessliche zum Vorschein kommen. Sie können es nicht aufsuchen; es kommt zu Ihnen.
aus Schöpferische Freiheit, Teil 1 Reden,Wie der Geist funktioniert, S. 120 bis 122

Text 5 – Wie beobachte ich?

Ich versuche zu verstehen, warum ich einsam bin, denn ich sehe, das ist der Grund, warum ich mich an etwas klammere. Die Einsamkeit zwingt mich, ihr zu entfliehen, indem ich mich identifiziere, und ich begreife, solange ich einsam bin, wird es immer so ablaufen. Was bedeutet es, einsam zu sein? Wie kommt es dazu? Ist es Instinkt, Vererbung oder ist es durch meine tägliche Aktivität entstanden? Wenn es Instinkt oder Vererbung ist, dann ist es Teil meines Schicksals und ich bin nicht dafür verantwortlich. Aber ich akzeptiere dies nicht, ich hinterfrage es und bleibe bei der Frage. Ich beobachte weiter und versuche nicht, eine intellektuelle Antwort zu finden. Ich ver-suche nicht, der Einsamkeit zu sagen, was sie tun sollte, oder was sie ist; ich beobachte sie, so dass sie es mir erzählt.

Es gibt eine Wachsamkeit, die der Einsamkeit erlaubt, sich zu offenbaren. Diese Offenbarung geschieht nicht, wenn ich weglaufe, wenn ich vor ihr Angst habe, wenn ich mich ihr widersetze. Also beobachte ich weiter. Ich beobachte, ohne dass ein Gedanke aufkommt. Beobachten ist viel wichtiger als Denken.

Und weil meine ganze Energie mit der Beobachtung der Einsamkeit verbunden ist, kommen keinerlei Gedanken auf. Der Geist ist herausgefordert und muss antworten. Aufgrund dieser Herausforderung ist er in einer Krise. In der Krise haben Sie viel Energie und diese Energie bleibt vom Denken ungestört.

aus »A Dialogue with oneself« (Ein Dialog mit sich selbst), Brockwood 1977, 1. Öffentlicher Dialog, Übersetzung J. Brandt